Swami Vivekananda: Organisierte Religion oder natürliche Religion?

Vivekananda in Madras 1893 (Klicken zum Vergrößern)

„Swami Vivekanandas Aussagen brauchen von niemandem eine Einleitung. Sie haben ihren eigenen unwiderstehlichen Charme.“

Mahatma Gandhi, 1941

Quellenangaben

Eine Sammlung von Vivekanandas Aussagen

Viele verschiedene Wege führen zum Ziel. Unwissende jedoch versteifen sich auf einen Standpunkt. Sie verweigern anderen, das Universum nach eigener Auffassung zu interpretieren, und wagen zu sagen, dass die anderen unrecht haben und sie allein im Recht sind. Sie glauben aufrichtig zu sein und ignorieren alle anderen. (IV:52)

Es gibt so viele Ideale; ich habe kein Recht, zu bestimmen, was dein Ideal sein soll, und dir ein Ideal aufzuzwingen. Meine Pflicht sollte sein, vor dir die Ideale, die ich kenne, auszubreiten und es dir zu ermöglichen, für deine Wesensnatur das Beste herauszufinden. Nimm, was am besten zu dir passt und beharre darin. Das ist dein erwähltes Ideal. (IV:56)

Es gibt keine zwei Menschen mit gleichem Körper oder Geist. Es gibt keine zwei Menschen mit der gleichen Religion. Lerne von allen, aber halte an deinem eigenen Standpunkt fest. Religion besteht nur zwischen dir und deinem Gott; keine dritte Person darf zwischen euch kommen. Sterbe lieber beim Ausarbeiten deiner eigenen natürlichen Religion, als der Religion eines anderen zu folgen, wie gut auch immer diese sein mag. (I:474)

Der Weg, den deine Natur dir als absolut notwendig vorgibt, ist der richtige Weg. Jeder von uns ist mit einer einzigartigen Natur aufgrund früherer Erfahrung geboren. Entweder nennen wir es unsere reinkarnierte vergangene Erfahrung oder Vererbung; egal wie wir es ausdrücken, wir sind ein Resultat der Vergangenheit — durch welche Kanäle auch immer diese Vergangenheit gekommen sein mag. Jeder von uns ist ein Ergebnis, dessen Ursache unsere Vergangenheit ist. In dieser Hinsicht sind in jedem von uns einzigartige Züge; und deshalb muss jeder seinen eigenen Weg für sich selbst herausfinden. (IV:52)

Wir müssen verstehen, dass die Wahrheit, von einem anderen Standpunkt aus gesehen, wahr sein kann, und doch nicht dieselbe Wahrheit ist. Die absolute Wahrheit ist eine, während relative Wahrheiten unterschiedlich sind. Millionen Strahlen kommen von der Sonne als ihrem Zentrum. Je weiter sie von diesem Zentrum entfernt sind, desto größer sind die Abstände zwischen ihnen. Ebenso gibt es ein Zentrum, welches das absolute Ziel der Menschheit ist. Es ist Gott. Wir sind die Strahlen. Die Abstände zwischen den Strahlen sind die Begrenzungen unserer Wesensart, und nur von unserer eigenen Warte aus können wir die Sicht Gottes erlangen. Dadurch hat jeder eine andere Sicht der Absoluten Wirklichkeit. In dieser Hinsicht sind alle Ansichten wahr, und wir brauchen uns nicht miteinander zu streiten. (IV:53f)

Die Theorie des erwählten Ideals bedeutet somit, dem Menschen zu erlauben, seine eigene Religion auszuwählen. Der eine sollte den anderen nicht zwingen, das zu verehren, was er selbst verehrt. Alle Versuche, Menschen durch Armeen, Gewalt oder Argumente zusammenzupferchen, sie unterschiedslos in dieselbe Einfriedung zu treiben und zu zwingen, denselben Gott zu verehren, sind fehlgeschlagen und werden immer fehlschlagen, weil es gemäß der menschlichen Beschaffenheit unmöglich ist. Man trifft kaum jemanden, der sich nicht um irgendeine Sorte von Religion abmüht; und wie viele sind zufrieden, oder besser, wie wenige sind zufrieden? Wie wenige finden doch irgendetwas! Warum? Einfach, weil die meisten nach Unmöglichem streben. Das Diktat anderer hat sie dazu gezwungen. (IV:54f)

Man kann eine Pfanze nicht in ungeeigneter Erde zum Wachsen bringen. Ein Kind lehrt sich selbst. Aber man kann ihm helfen, seinen eigenen Weg zu gehen. Was man tun kann, ist nicht positiver Natur, sondern negativer. Man kann die Hindernisse wegnehmen. Erkenntnis jedoch erwächst aus der eigenen Natur. Lockere den Grund ein bisschen, damit sie leichter zum Vorschein kommt. Pflanze eine Hecke herum, damit sie nicht von irgendetwas zerstört wird. Dort hört dein Werk auf. Mehr kann man nicht tun. Der Rest ist eine Manifestation aus dem Inneren der eigenen Natur. So ist es mit der Erziehung eines Kindes; das Kind erzieht sich selbst. (IV:55)

Du kommst, um mich zu hören, und wenn du nach Hause gegangen bist, vergleichst du das Gelernte und findest, dass du dasselbe schon vorher gedacht hast. Ich habe es nur in Worte gefasst. Ich kann dich nichts lehren; du musst dich selbst lehren, aber vielleicht kann ich dir helfen, deinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. (IV:55)

Ich muss mir selbst Religion beibringen. Welches Recht hat mein Vater, alle Sorten Unsinn in meinen Kopf zu stopfen? Welches Recht haben meine Lehrer und die Gesellschaft dazu? Vielleicht sind diese Dinge gut, aber sie mögen nicht mein Weg sein. Wie viele schöne Dinge, die sich zu wundervollen spirituellen Wahrheiten entwickelt hätten, wurden im Keim erstickt durch diese schrecklichen Ideen einer Familien-Religion, einer Gesellschafts-Religion, einer National-Religion, usw. Überdenke einmal, wieviel Aberglauben gerade jetzt in deinem Kopf steckt bezüglich deiner Kindheitsreligion, oder deiner Landesreligion, und wieviel Übel dadurch bewirkt wird oder werden könnte. Der Mensch weiß nicht, welche Macht hinter jedem Gedanken und jeder Tat liegt. (IV:55)

Eine Gemeinschaftsreligion kann es niemals geben. Die wirkliche Religionsarbeit ist Privatsache. Ich habe meine eigene Idee, die für mich heilig ist und die ich für mich behalten sollte. Ich weiß, dass sie nicht deine Idee zu sein braucht. Zweitens, warum sollte ich Unruhe stiften, indem ich jedem erzähle, was meine Idee ist. Andere könnten kommen und mich bekämpfen. Sie können es nicht, wenn ich es ihnen nicht sage — aber wenn ich überall meine Idee hinausposaune, wird es Opposition geben. Warum also darüber reden? Dieses erwählte Ideal sollte geheim gehalten werden, es ist zwischen dir und Gott. Nur die theoretischen Teile der Religion können öffentlich und in Gemeinschaften gepredigt werden. (IV:56)

Ich kann meine religiösen Gefühle nicht auf Kommando anschalten. Was ist das Resultat von derartigem Hohn? Religion wird zum Witz, zur schlimmsten Scheinheiligkeit. Das Resultat finden wir gegenwärtig in den Kirchen. Wie können Menschen diesen Religionsdrill aushalten? Es ist wie bei Soldaten in der Kaserne. Schultert die Waffen, kniet nieder, nehmt ein Buch, alles exakt reguliert. Fünf Minuten Gefühl, fünf Minuten Nachdenken, fünf Minuten Gebet, alles von vorherein festgelegt. Dieser Mummenschanz hat die Religion hinausgetrieben. Lasst die Kirchen Lehrsätze, Theorien, Philosophien nach Herzenslust predigen, aber wenn es zur Gottesverehrung kommt, dem wirklich praktischen Teil der Religion, dann sollte es so sein, wie Jesus es sagt: „Wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen.“ (IV:56f)

Wir sagen in Indien: „Es ist gut in einer Kirche geboren zu werden, aber schlecht, in einer zu sterben.“ Ein Schössling muss mit einem Zaun beschützt werden, aber wenn er ein Baum geworden ist, wäre ein Zaun ein Hindernis. Wir vergessen, dass zur Religion Wachstum gehören muss. (VIII:220)

Wir müssen aus der Gesellschaft herauswachsen, wir müssen das Gesetz zunichte machen und gesetzlos werden. Vertiefe deine Gedanken- und Liebeskraft. Bringe deinen eigenen Lotus zum Blühen. Glaube zuerst an dich selbst und dann an Gott. (VIII:223)

Quellenangaben

  • Zitat von Gandhi stammt aus einem Brief an T.S. Avinashilingam vom 22.7.1941, zitiert nach: World Thinkers on Ramakrishna-Vivekananda, Ed. by Swami Lokeswarananda, The Ramakrishna Mission Institute of Culture, Calcutta 1983.
  • Zitate, jeweils mit Band-Nummer und Seitenzahl, aus den „Complete Works of Swami Vivekananda“, Advaita Ashrama, Calcutta, 1963 und später.

Der spirituelle Fortschritt einer Person hängt von ihrer geistigen Verfassung und ihrem Gedankenleben ab. Was sie in diesem Bereich erlangt wird durch ihr Herz bestimmt und nicht durch äußere Aktivitäten, egal welche es sind. — Sri Ramakrishna