Die Bhagavad-Gîtâ kann als wichtigste Schrift des Hinduismus angesehen werden. Ihre Popularität verdankt sie u.a. folgenden Eigenschaften:
überschaubarer Umfang, 700 Verse in 18 Kapiteln
poetische Schönheit
bedeutende Religionsphilosophen haben Kommentare dazu verfasst (bis hin zum Benediktiner Dom Bede Griffith)
der Text kehrt immer wieder zum Alltagsbezug zurück, abgehobene Spekulationen werden vermieden
die von Hindus als maßgeblich betrachtete Lehre der Upanishaden wird verständlich zusammengefasst
eine Vielfalt von Auffassungen wird angeboten, so dass praktisch jeder Stellen finden kann, die ihn inspirieren
Die Bhagavad-Gîtâ gehört mit der Bibel und dem Tao Te King zu den meistübersetzten Büchern der Weltliteratur. Es gibt wohl mehr als 100 deutsche Übersetzungen und weitere erscheinen regelmäßig.
Umschlag der Gîtâ-Ausgabe von Gita-Press, Gorakhpur
Schwierigkeiten der Übersetzung
Viele Worte des Originals haben erstaunlich viele verschiedene Bedeutungen. So gibt Böhtlingks Sanskrit-Wörterbuch in kürzerer Fassung über 100 recht unterschiedliche Bedeutungen zum Eintrag „Yoga“. Heute wird Yoga oft als Abkürzung genutzt für Hatha-Yoga, dem körperbasierten Übungssystem. Das ist in der Gîtâ wohl nicht gemeint. Wenn man bei der Übersetzung das Wort „Yoga“ einfach ins Deutsche übernimmt, wird der Text teilweise unverständlich. Eine Übersetzung wird also weit mehr als bei Texten aus modernen Sprachen zu einer Interpretation. Aus diesem Grund wird es auch immer wieder neue Übersetzungen geben.
Entstehung
Nach heutigem Kenntnisstand geht die indo-arische Kultur wie alle indoeuropäischen Kulturen auf ein und dieselbe bronzezeitliche Streitwagenkultur zurück. Das ist der Grund für die Verwandtschaft unserer Sprachen. Diese bronzezeitliche Kultur hatte das Pferd domestiziert und das Speichenrad entwicklet, was den Bau leichter zweirädirger Streitwagen ermöglichte. Bemannt mit einem Fahrer und einem Bogenschützen bildeten diese schnellen Wagen eine zur damaliger Zeit überlegene Waffe.
Die altindischen Quellen zeichnen eine Kultur vieler kleine unabhängige Fürstentümer, die ständig miteinander im Kampf lagen. Zwei verschiedene literarische Traditionen entwickelten sich dort:
Die priesterliche Literatur: Deren Hymnensammlung an die Götter stellt die älteste indische Überlieferung dar und ist die Hauptquelle über die damalige Zivilisation. Die Priester entwickelten auch ein umfangreiches Opferritual und schließlich mit den Upanishaden Texte, die die Sinnfrage hinter allem behandeln. Diese Priestertexte wurden mündlich weitergegeben und galten als heilig.
Die Kriegerliteratur: Die Wagenlenker (Sûtas) hatten gleichzeitig die Aufgabe des Herolds Ihrer jeweiligen Streitwagenkämpfer. Aus kunstvollen Ankündigungen der Heldentaten der Kämpfer entstanden umfangreichere Geschichten, die zu passender Gelegenheit am Hof vorgetragen wurden. Sie wurden ebenfalls mündlich weitergegeben, galten aber nicht als heilig. Beide Textgattungen haben sich beeinflusst, da Priester wirtschaftlich von den Fürsten abhängig waren und andererseits als Hauslehrer und Hofgelehrte dienten.
Das uns überlieferte Ergebnis der ursprünglichen Heroldsdichtung sind die beiden großen altindischen Epen, das Râmâyana und das Mahâbhârata. Letzteres umfasst circa 100.000 Verse und die Bhagavad-Gîtâ ist ein kurzer Abschnitt darin, genau auf dem dramatischen Höhepunkt der Geschichte. Die Geschichte spielt in der ausgehenden Bronzezeit, beginnenden Eisenzeit.
In der Bhagavad-Gîtâ ist noch der Fürstenstolz spürbar, der sich über die Ritualistik der Priester erhebt. Obwohl sich die Priester als höchsten Stand ansahen, lag doch die wirkliche Macht bei den Kriegern. Sie überließen den Priestern Ritualistik und Priestertätigkeiten, übernahmen aber die spirituellen Ideen der Upanishaden und machten sich so zur Zeit der Epen auch zu den spirituellen Führern der Gesellschaft.
Der Sprachstil der Gîtâ zeigt, dass sich der Text an selbstbewusste Entscheider richtet. Es gibt keine Ge- oder Verbote, und am Ende heißt es, „jetzt handle so, wie du es möchtest“ (18:36).
Schließlich auch von Priestern als heilig betrachtet
Etwa im Jahr 800 n. Chr. schrieb der Brahmane und Sannyâsin Shankara den ältesten überlieferten Komentar zur Bhagavad-Gîtâ und adelte sie somit aus brahmanischer Sicht. Gleichzeitig wurde damit der entgültige Text festgelegt, der bis dahin anscheinend immer noch verändert wurde.
Symbolischer Gehalt
Die Bhagavad-Gîtâ ist das Zwiegespräch zwischen dem Prinzen Arjuna und seinem Freund Krishna, dem König eines Nachbarreichs. Die Beliebtheit dieses Textes liegt auch darin begründet, dass er sich für symbolische Deutungen eignet. Das beginnt bereits mit den Namen der beiden Gesprächspartner: „Krishna“ bedeutet schwarz und „Arjuna“ silberfarben, hell (etym. verwandt mit lat. „argentum“). „Schwarz“ ist die Farbe des Weltalls (traditionell wird Krishna blau oder blauschwarz dargestellt; der an sich schwarze Himmel ist tagsüber schließlich auch blau), während „hell silberfarben“ die einzelnen Sterne leuchten. So kann man die Gîtâ als Symbol für den Dialog eines einzelnen Sterns mit dem Weltall sehen, d.h. zwischen dem Individuum und dem Universum oder der Einzelseele und dem Göttlichen.
Holographischer Text
Die Bhagavad-Gîtâ besteht aus 18 Kapiteln, doch eine linear logische Struktur des Textes ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Nicht nur dass jedes Kapitel in sich abgeschlossen wirkt, sondern auch die meisten Verse. Letztendlich geht es um ein zeitloses mystisches Verständnis jenseits linearer Logik. Aus dieser Sicht genügt es, einen einzigen Vers tiefgreifend zu verstehen, um den Sinn des ganzen Textes zu verstehen. Deshalb kann man den Text holographisch nennen, da jedes Teil gewissermaßen das Ganze enthält.
Einteilung in drei Abschnitte zu je sechs Kapiteln
Um den Text leichter gliedern zu können, gab man irgendwann den Kapiteln Namen. Diese werden traditionell allerdings erst am Ende jedes Kapitels genannt, und es gibt einige Varianten. Schließlich kam der Kommentator Râmânuja (um 1200) auf die Idee, die Bhagavad-Gîtâ zusätzlich in drei Abschnitte einzuteilen. Demnach behandeln
Kapitel 1-6: Karma-Yoga, den Weg der Tat
Kapitel 7-12: Bhakti-Yoga, den Weg der Hingabe
Kapitel 13-18: Jñâna-Yoga, den Weg der Erkenntnis.
Mit dieser Idee kann man den Text ein bisschen strukturieren … bis man seine eigene Struktur und Interpretation gefunden hat.
Traditionelle indische Darstellung nach dem Vorbild herrschaftlicher Ausflugskutschen. Die Überlegenheit schneller zweirädriger Streitwagen endete ca. 500 v. Chr., danach kamen berittene Bogenschützen auf. Die Erinnerung an das Aussehen der Streitwagen ist in Indien verloren gegangen.
Krishna und Arjuna stehen in einem großen Wagen, der mit vier weißen Pferde bespannt ist (BhG 1:14). Wahrschienlich sah der Wagen ähnlich wie die Quadriga auf dem Brandenburger aus.