Bhagavad-Gita, Einleitung

Bhagavad-Gita, indische Ausgabe
Indische Ausgabe der Bhagavad-Gita

(Vorläufige Übersetzung, die ab und zu verbessert wird.) Einleitung

Nur Übersetzung:

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Wort-für-Wort grammatische Analyse des Sanskrittexts:

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Die Bhagavad-Gîtâ kann als wichtigste Schrift des Hinduismus angesehen werden. Ihre Popularität verdankt sie u.a. folgenden Eigenschaften:

  • überschaubarer Umfang, 700 Verse in 18 Kapiteln
  • poetische Schönheit
  • bedeutende indische Religions­philosophen haben Kommentare dazu verfasst (bis hin zum Benediktiner Dom Bede Griffith)
  • der Text kehrt immer wieder zum Alltagsbezug zurück, abgehobene Spekulationen werden vermieden
  • die von Hindus als maßgeblich betrachtete Lehre der Upanishaden wird verständlich zusammengefasst
  • eine große Vielfalt von Auffassungen wird angeboten, so dass praktisch jeder Stellen finden kann, die ihn inspirieren

Die Bhagavad-Gîtâ gehört mit der Bibel und dem Tao Te King zu den meistübersetzten Büchern der Weltliteratur. Es gibt wohl mehr als 100 deutsche Übersetzungen und weitere erscheinen regelmäßig. Auch hier finden Sie eine Übersetzung (Auswahlmenü links). Eine kleine Warnung: es handelt sich um einen archaischen Text einer asiatischen Kultur; um für unser modernes Leben eine Inspiration zu sein, bedarf der Text einer Interpretation.

krishnarjuna_von_gitapress.jpg, 38kB
Umschlag der Gîtâ-Ausgabe von Gita-Press, Gorakhpur

Entstehungszeit

Ein geschichtliches Zeitempfinden wie in China oder Griechenland hat sich im alten Indien nicht entwickelt, und auch heute noch begegnet man bei Datierungsfragen großen Auffassungsunterschieden. Als relative Einteilung wird aber allgemein akzeptiert, dass das Zeitalter, in der die Priester die Veden zusammenstellten, das früheste im kulturellen Gedächtnis Indiens ist. Die nächsten Epoche ist das Zeitalter der beiden großen Epen, in denen Ereignisse der ausgehenden Bronze- und beginnenden Eisenzeit besungen werden. Hierhin gehört die Bhagavad-Gîtâ. Danach kommt das Zeitalter der Systeme, in dem die philosophischen Schulen wie Yoga und Sâmkhya formuliert wurden. Deren Bezeichnungen kommen zwar schon in der Bhagavad-Gîtâ vor, hatten da aber wohl eine allgemeinere umgangssprachliche Bedeutung.

Für Fürsten verfasst, nicht für Untertanen

Indien bestand zur Zeit der Epen aus einer Vielzahl unabhängiger Königreiche. Diese förderten eine dichterische Kultur, die in gehobener Sprache, also auf Sanskrit, das Ideal der Könige besang. Diese Förderung der Dichtkunst über viele Generationen von vielen Königreichen mündete in der Erstellung des 100.000 Verse umfassenden Epos Mahâbhârata, d.h. die große (=mahâ) Geschichte der Nachkommen des König Bharata. Die Vortragenden konnten es auswendig und hatten damit tägliches Vortragsmaterial für praktisch ein Jahr am Königshof.

Das Epos ist durchsetzt mit spirituellen Ratschlägen, was bei den Königen gut ankam, denn ihr Ideal war der Rajarshi, d.h. ein König, der gleichzeitig ein mystischer Seher ist. Die Bhagavad-Gîtâ ist der längste spirituelle Abschnitt in diesem Epos, genau auf dem dramatischen Höhepunkt der Geschichte. Die sprachliche Form dieser „Belehrung“ zeigt, dass der Dichter sich an selbstbewusste Entscheider richtet, also an Fürsten, und nicht an Untergebene. Das ist ein Grund, warum die Bhagavad-Gîtâ noch heute so modern ist; sie enthält keine Ge- oder Verbote, und am Ende heißt es, „jetzt handle so, wie du es möchtest“ (18:36).

Symbolischer Gehalt

Die Bhagavad-Gîtâ ist das Zwiegespräch zwischen dem Prinzen Arjuna und seinem Freund Krishna, dem König eines Nachbarreichs. Der Symbolgehalt dieses Gesprächs zeigt sich bereits in den Namen der beiden Gesprächspartner: „Krishna“ bedeutet schwarz und „Arjuna“ silberfarben, hell (etymologisch mit lat. argentum verwandt). „Schwarz“ steht für die Farbe des Weltalls (traditionell wird Krishna blau oder blauschwarz dargestellt; der an sich schwarze Himmel ist tagsüber schließlich auch blau), während „hell silberfarben“ für die Farbe der Sterne steht. Somit ist die Gîtâ ein Symbol für den Dialog eines einzelnen Sterns mit dem Weltall, d.h. zwischen dem Individuum und dem Universum oder der Einzelseele und dem Göttlichen.

Holographischer Text

Die Bhagavad-Gîtâ besteht aus 18 Kapiteln, doch eine linear logische Struktur des Textes ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Nicht nur dass jedes Kapitel in sich abgeschlossen wirkt, sondern auch die meisten Verse. Die Gîtâ versucht aber letztendlich, ein zeitloses mystisches Verständnis jenseits linearer Logik hervorzurufen. Aus dieser Sicht genügt es, einen einzigen Vers tiefgreifend zu verstehen, um den ganzen Text zu verstehen. Man kann den Text holographisch nennen, da jedes Teil gewissermaßen das Ganze enthält.

Einteilung in drei Abschnitte zu je sechs Kapiteln

Um diesen schwer zu übersehenden Text doch etwas gliedern zu können, gab man irgendwann den Kapiteln Überschriften und schließlich kam der Kommentator Râmânuja (um 1200) auf die Idee, die Bhagavad-Gîtâ zusätzlich in drei Abschnitte einzuteilen. Demnach behandeln

  • Kapitel 1-6: Karma-Yoga,
  • Kapitel 7-12: Bhakti-Yoga und
  • Kapitel 13-18: Jñâna-Yoga.

Vor diesem Hintergrund offenbart sich eine verborgene logische Struktur des Textes:

Karma-Yoga

Kapitel 1, die Verzweiflung Arjunas

assyrischer_kriegswagen
Assyrischer Streitwagen, ca. 750 v. Chr.
Indische Streitwagen jener Zeit könnten ähnlich ausgesehen haben,
bildliche Darstellungen sind jedoch nicht erhalten.

Das Gespräch, das den Inhalt der Gîtâ bildet, findet zu Beginn der Entscheidungsschlacht eines Erbfolgekriegs statt. Arjuna und seine Brüder wollen für ihren rechtmäßigen Anteil am Königreich kämpfen, den ihnen ihre Cousins verweigern. Das erste Kapitel der Gîtâ beschreibt die Schlachtsituation. Der Seher Sanjaya berichtet dem Vater der feindlichen Partei, dem blinden König Dritarâshtra, das Geschehen. Arjuna, der Bogenschütze, steht neben Krishna als Wagenlenker auf einem Streitwagen und lässt sich von Krishna in die Mitte der Armeen fahren. Dort erkennt er, dass seine Familie und seine Lehrer auf der gegnerischen Seite stehen. Das bringt ihn in einem extremen Gewissenskonflikt. Obwohl er selbst auf diese Schlacht hingearbeitet hat und sein Leben lang als Krieger trainiert hat, wirft er Pfeile und Bogen hin und will sich lieber wehrlos töten lassen als zu kämpfen.

Symbolischer Gehalt: Der Mensch hat sich durch eigenes Tun in eine Lage gebracht, die er aus so aussichtslos empfindet, dass er gar nichts mehr tun will. Er befindet sich in einer selbstverursachten Depression.

Kapitel 2, Klärung der Lage

Der Mensch gibt seinen Egoismus auf und sucht beim Göttlichen Zuflucht und Antwort. Gleichsam lachend antwortet das Göttliche, dass es gar kein Problem gibt. Das Problem sei ein Scheinproblem, weil der Mensch das Wahre mit dem Vergänglichen verwechsle. Ein Problem entstehe erst, wenn der Mensch seine Aufgabe, die aus seinem eigenen Wesen entstanden ist, aus Verblendung aufgibt.

Im zweiten Teil dieses Kapitels erläutert Krishna das Ideal des in Weisheit gefestigten Menschen. Das ist das Leitthema der Bhagavad-Gîtâ. Wenn man nicht die ganze Gîtâ lesen möchte, sollte man zumindest die 19 Verse 2:54 bis 2:72 lesen.

Kapitel 3-5, dreimal Karma-Yoga

Arjuna (=der Mensch) kann die gegebene Antwort nicht umsetzen, darum folgt jetzt die konkrete Therapie seiner Depression: Aktivität, handeln, Karma-Yoga! Aber handle als Weihehandlung (Kap. 3), sieh Nichthandlen im Handeln (Kap. 4) und vollziehe Handlung zur Selbstreinigung (Kap. 5).

Kapitel 6, Meditation

Anschließend, sozusagen als Krönung aller Aktivität, widme dich der Meditation. Das Verhältnis von Aktivität und Meditation wird durch die vorangegangenen Kapitel nahegelegt: drei Teile Aktivität und ein Teil Meditation. Da dieser ersten Sechserblock insgesamt als Karma-Yoga eingestuft wird, kann man es auch so verstehen, dass zur Übung des Karma-Yoga immer etwas Meditation gehören sollte.

Bhakti-Yoga

Kapitel 7-9, Interesse für das Göttliche wecken

Nachdem sozusagen die Depression behoben ist, bemüht sich das Göttliche, den Horizont des Menschen zu erweitern.

Kapitel 10, Morgenröte

Das spirituelle Interesse steigt: Arjuna kann nicht mehr genug davon bekommen, über die Entfaltung des Göttlichen zu hören. Die Gîtâ folgt damit der typischen Dramaturgie spirituellen Erwachens: Morgenröte nennt Sri Ramakrishna den Zustand brennenden spirituellen Interesses vor dem Erwachen. Ist die Morgenröte da, weiß man dass die Sonne bald aufgeht.

Kapitel 11, spirituelle Erfahrung

Der Dichter versucht das Unmögliche, die spirituelle Erfahrung zu beschreiben.

Kapitel 12, Hingabe

Nach spiritueller Erfahrung entsteht Hingabe natürlich.

Jñâna-Yoga

Kapitel 13, Unterscheidung

Das Erkennen des Unterschieds von Bewusstsein als Kern des eigenen Wesens und der manifestierten Welt. Die grundlegende Methode des Jñâna-Yoga.

In diesem Sechserblock folgt jeweils nach einem eher theoretisch orientierten Kapitel immer ein Kapitel zur Selbstüberprüfung im Alltag. Also: Kap. 13->Theorie, 14->Alltagsüberprüfung, 15->Theorie, 16->Alltagsüberprüfung, 17->Theorie, 18->Alltagsüberprüfung.

Kapitel 14, materielle Grundkräfte im Alltag

Die Wirkungen der drei materiellen Grundkräfte, der Gunas, und der Zustand der Freiheit davon.

Kapitel 15, das Mysterium des göttlichen Funkens

In verschiedenen Gleichnissen geht es um die innewohnende göttliche Natur des Menschen

Kapitel 16, weltliche Gedanken im Alltag

Anregungen zur Überprüfung der eigenen Einstellung und Denkgewohnheiten im Alltag.

Kapitel 17, Glaubensleben

Die Wirkung der Gunas auf die religiöse Praxis.

Kapitel 18, Handeln im Alltag

Wie handelt man konkret im Alltag auf sattvisch Art, d.h. so dass man spirituell weiter kommt? Zum Abschluss entlässt das Göttliche den Menschen in die freie Handlungsentscheidung.

Krishna und Arjuna, traditionelle Darstellung
Traditionelle indische Darstellung nach dem Vorbild herrschaftlicher Ausflugskutschen.
Die Überlegenheit schneller zweirädriger Streitwagen endete ca. 500 v. Chr., danach kamen berittene Bogenschützen auf. Die Erinnerung an das Aussehen der Streitwagen ist in Indien verloren gegangen.

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